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|209| das grauenvollste menschliche Elend ertragen hatte, begrub es sich und seinen Staat unter den Ruinen seiner Stadt, und [es] würde in der Geschichte, in der Meinung der Nationen neben Karthaginiensern und Saguntinern, größer als die Griechen und Römer, deren Städte ihren Staat überlebten, dastehen, wenn das Gefühl dessen, was ein Volk für seine Unabhängigkeit tun kann, uns nicht zu fremd wäre und wenn wir nicht den Mut hätten, einem Volke vorschreiben zu wollen, daß es seine Sache nicht hätte zu seiner Sache machen, sondern unsere Meinungen [haben] und für diese leben und sterben sollen, zu deren Behauptung wir keinen Finger rühren. Der zerstreute Überrest der Juden hat zwar die Idee seines Staates nicht verlassen, aber ist damit nie mehr zum Panier eigenen Mutes, sondern wieder nur zur Fahne einer trägen Messiashoffnung zurückgekehrt. – Auch die Anhänger der heidnischen Religion fühlten diesen Mangel an praktischen Ideen; daß sie sich unter den Menschen finden sollten, fühlte ein Lukian, ein Longin, und die traurige Erfahrung, die sie darüber machten, ergoß sich in bittere Klagen, andere dagegen, wie Porphyr und Jamblich, versuchten es, ihre Götter mit einem Reichtum, der das Eigentum der Menschen nicht mehr war, auszustatten und dann von ihnen durch Zaubereien einen Teil davon als Geschenk zurückzuerhalten. Außer früheren Versuchen blieb es unseren Tagen vorzüglich aufbehalten, die Schätze, die an den Himmel verschleudert worden sind, als Eigentum der Menschen, wenigstens in der Theorie, zu vindizieren, aber welches Zeitalter wird die Kraft haben, dieses Recht geltend zu machen und sich in den Besitz zu setzen?
In dem Schoße dieser verdorbenen Menschheit, die sich von der moralischen Seite selbst verachten mußte, aber sonst als einen Liebling der Gottheit hochhielt, mußte die Lehre von der Verdorbenheit der menschlichen Natur erzeugt und gern angenommen werden; sie stimmte einerseits mit der Erfahrung überein, andererseits tat sie dem Stolze Genüge, die Schuld von sich abzuwälzen und [sich] im Gefühl des Elends selbst einen Grund des Stolzes zu geben, sie brachte zu Ehren, was Schande ist, sie heiligte und verewigte jene Unfähigkeit, indem sie selbst das, an die Möglichkeit einer Kraft glauben zu können, zur Sünde machte. Das Gebiet der Herrschaft der heidnischen Götter, die bisher nur in der Natur ihr Wesen trieben, wurde wie das des christlichen Gottes über die freie Geisterwelt ausgedehnt; ihm wurde nicht nur das Recht der Gesetzgebung ausschließend eingeräumt, sondern von ihm jede gute Regung, jeder bessere Vorsatz und Entschluß als sein Werk erwartet, nicht in dem Sinne, wie die Stoiker alles Gute der Gottheit zuschrieben, indem sie ihre Seelen als ihres
