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|110| theoretischen Wege versucht worden ist, die Wahrheit der christlichen Religion aus Vernunftgründen zu erweisen, das wird jetzt durch eine sogenannte praktische Vernunft erwiesen. Da es aber bekannt ist, daß mehrere Jahrhunderte lang an dem System christlicher Religion, wie es heutzutage sich vorfindet, gearbeitet worden ist, daß in dieser allmählichen Bestimmung der einzelnen Dogmen nicht immer Kenntnisse, Mäßigung und Vernunft die heiligen Väter geleitet hat, daß schon bei der Annahme der christlichen Religion nicht bloß reine Liebe zur Wahrheit, sondern zum Teil sehr zusammengesetzte Triebfedern, sehr unheilige Rücksichten, unreine Leidenschaften und oft nur auf Aberglauben gegründete Bedürfnisse des Geistes gewirkt haben, so muß es erlaubt sein, um die Entstehung des Gebäudes der christlichen Religion zu erklären, anzunehmen, daß auch äußere Umstände, der Geist der Zeiten Einfluß auf die Bildung ihrer Form gehabt haben, – welches der Zweck der Kirchen-, noch eigentlicher der Zweck der Dogmengeschichte [ist]. Die Absicht gegenwärtiger Untersuchung soll nicht diese speziellere Entwicklung des Gangs, den die Kirche dabei genommen hat, an der leitenden Hand der Geschichte sein, sondern teils in der ursprünglichen Gestalt der Religion Jesu selbst, teils in dem Geist der Zeiten selbst sollen einige allgemeine Gründe aufgesucht werden, durch welche es möglich geworden, daß man frühzeitig christliche Religion als Tugendreligion verkennen, sie anfangs zu einer Sekte und nachher zu einem positiven Glauben machen konnte.
Das oben aufgestellte Bild von den Bemühungen Jesu, die Juden zu überzeugen, daß das Wesen der Tugend oder der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht in der bloßen Befolgung des mosaischen Gesetzes liege, wird zwar von allen Parteien des christlichen Glaubens als richtig anerkannt, aber zugleich für sehr unvollständig ausgegeben werden.
Die Behauptung, daß auch die Tugendgesetze Jesu etwas Positives seien, d. h. daß sie daher ihre Gültigkeit haben, weil Jesus sie geboten habe, zeugt zwar von einer demütigen
