Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

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|215| leihen, um ihn zu gebrauchen, aber er ist es nicht, der mit der Anwendung etwas zu schaffen haben kann. Damit ist aber dem Erzähler des Wunders nicht Genüge geschehen; er lärmt und schreit jetzt über Gottlosigkeit, Blasphemie, Schurkerei, – der Ungläubige bleibt unbewegt, er sieht keinen Zusammenhang zwischen Immoralität und Irreligion und der Behauptung der Rechte seines Verstandes ein. Nun aber ändert sich die Szene, man wendet sich an die Vernunft, hält ihr große moralische Zwecke bei diesen Wundern, Besserung und Beseligung des Menschengeschlechts vor, man wendet sich an das Gefühl der Ohnmacht der Vernunft, heizt der Einbildungskraft tüchtig ein, und die ohnmächtige Vernunft, die diesen Schrecken, dieser Übermacht nichts entgegensetzen kann, nimmt in der Angst die Gesetze an, die ihr gegeben werden, und legt dem Widerspruch des Verstandes Stillschweigen auf. Mit diesem Zustand des Gemütes steht oder fällt der Wunderglaube. Es ist vergebens, sich auf dem Boden des Verstandes über Wunder herumzustreiten; der Erfolg hat immer gezeigt, daß damit nichts ausgerichtet worden ist; das Interesse der Vernunft hat immer dafür oder dawider entschieden. Ist sie einer äußeren Gesetzgebung bedürftig, hat sie den Schrecken einer objektiven Welt …

3.

21)Der Streit über die Möglichkeit und Wirklichkeit der Wunder wird vor verschiedenen Gerichtshöfen geführt und wird nicht so bald aus der Verwirrung gesetzt werden können, als bis man die streitenden Parteien hierüber verständigt hat. Über die Wahrheit für die Phantasie sind alle einig, und nur der Phantasie derjenigen sind die Wunder unzugänglich, bei denen sich der Verstand immer dareinmischt. Wenigstens die Urteilskraft findet sich immer darein gezogen, um die Zweckmäßigkeit zu dem vorgegebenen Zweck zu beurteilen. Von seiten der ästhetischen Urteilskraft, der Freiheit der Einbildungskraft ist Herder der erste, vielleicht der einzige, der das Alte Testament in diesem Sinne behandelt hat, eine Bearbeitung, deren das Neue Testament nicht fähig ist. Die Bestreiter der Wunder ziehen die Sache gewöhnlich vor den Richterstuhl des Verstandes. Ihre Waffen sind die Erfahrung und die Gesetze der Natur. Die Verteidiger der Wunder verfechten ihre Sache mit den Waffen einer Vernunft, nicht der selbständigen, die

21) Werkausgabe: Rosenkranz, Hegels Leben, S. 510-12; Schüler Nr. 59 (nicht näher datierbar). Dieses Fragment über Wunder ist nur durch Rosenkranz überliefert.

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