Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 143]

|143| schenken kann, daß sie mir ihren Zweck nicht mehr zu erfüllen scheint oder daß ich meinen Zweck, moralische Fortschritte zu machen, den zwar die Tugend, aber kein Mensch von mir fordern kann, überhaupt – oder wenigstens auf die Art, wie es die Gesellschaft verlangt – aufgeben will; auch in der Gesellschaft selbst muß mir die Wahl der Mittel, wenn ich auch den Zweck noch will, freistehen und nur von meiner Einsicht gutgeheißen oder aus Vertrauen zu Freunden übernommen werden.

Dieser Vertrag, der eigentlich bei jeder Freundschaft stattfindet, die auf gegenseitige Achtung oder gemeinschaftlichen Willen zum Guten sich gründet, kann leicht beschwerlich und kleinlich werden, wenn er sich über Kleinigkeiten ausdehnt und in Dingen mäkelt, die eigentlich immer der Willkür überlassen werden müssen. –

Die ersten [Christen] waren ebenso auch Freunde; das Gemeinschaftliche der Lehre und der unterdrückten Lage machte sie dazu oder bestärkte die vorhergehende Bekanntschaft; Trost, Belehrung, Unterstützung jeder Art fand jeder beim anderen; ihr Zweck war nicht sowohl freie Aufsuchung der Wahrheit, denn diese war schon gegeben, als vielmehr Hebung der Zweifel und Befestigung im Glauben und dann, was innigst damit verbunden war, Fortschritt in christlicher Vollkommenheit; bei größerer Ausbreitung hätte zwar jeder Christ in dem anderen, der Ägypter in dem Briten, wo er ihn getroffen hätte, einen Freund, einen Bruder wie in seinen Hausgenossen und Nachbarn finden sollen; allein dieses Band wurde immer lockerer; und solche Freundschaft ging so wenig tief, als es oft die Freundschaft der Glieder einer Gemeine war, die, durch Eitelkeit, Kollision des Interesses getrennt, einander zwar äußerlich und in Worten nach christlicher Liebe behandelten, aber ihren kleinen Neid, Rechthaberei, Anmaßung über den anderen für Eifer für christliche Tugend hielten und verkauften oder wirkliche Feindschaft leicht irgendeiner Ungleichheit in der Lehre oder einer Unlauterkeit im Betragen zuschreiben konnten.

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