Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 222]

|222| doch so menschlich, hintennach die Frage zu tun, wie es denn erklärt werden könne, daß ein solches Gebäude, das der menschlichen Vernunft so zuwider und durch und durch Irrtum sei, habe aufgeführt werden können. Man läßt die Kirchengeschichte zeigen, wie auf einfache Wahrheiten, die zum Grunde lagen, nach und nach durch Leidenschaft und Unwissenheit ein solcher Haufen von Irrtümern aufgetragen worden sei, daß in dieser allmählichen, durch Jahrhunderte fortgesetzten Bestimmung der einzelnen Dogmen nicht immer Kenntnisse, Mäßigung und Vernunft die heiligen Väter geleitet hat, daß schon bei der Annahme der christlichen Religion nicht bloß reine Liebe zur Wahrheit, sondern zum Teil sehr zusammengesetzte Triebfedern, sehr unheilige Rücksichten, unreine Leidenschaften und oft nur aus Aberglauben stammende Bedürfnisse des Geistes gewirkt haben, daß überhaupt äußere, der Religion fremde Umstände, eigennützige Absichten, Gewalt und List nach ihren Zwecken den Glauben der Nationen modelten. Allein diese Erklärungsart setzt eine tiefe Verachtung des Menschen, einen grellen Aberglauben an seinen Verstand voraus; und sie läßt die Hauptfrage unberührt, nämlich die Angemessenheit der Religion an die Natur zu zeigen, wie die Natur in verschiedenen Jahrhunderten modifiziert war, mit anderen Worten, man fragte nach der Wahrheit der Religion in Verbindung mit den Sitten und dem Charakter der Völker und Zeiten, und die Antwort ist, daß sie eitel Aberglaube, Betrug und Dummheit war. Am meisten wird auf die Sinnlichkeit geschoben, die muß alles verschuldet haben; man mag ihr aber noch soviel Herrschaft zuschreiben, so hört der Mensch damit nicht auf, ein vernünftiges Wesen zu sein, oder seine Natur hat immer notwendig höhere Bedürfnisse der Religiosität, und die Art, wie er sie befriedigt, d. h. das System seines Glaubens, seines Gottesdienstes, seiner Pflichten kann nicht lautere Dummheit gewesen sein, noch so unreine Dummheit, die aller Immoralität Raum ließ.

Indem es als Zweck dieser Abhandlung angegeben wird, daß er nicht der sei, zu untersuchen, ob das Christentum Lehren in sich habe, welche positiv sind, sondern ob es überhaupt eine positive Religion ist, so können diese zwei Ansichten insofern in eine fallen, als selbst die Behauptung, die christliche Religion sei positiv oder nicht, mit allen daraus fließenden Folgen in die Religionslehre selbst hineinkommen könnte und also wirklich die Positivität einer einzelnen Lehre untersucht würde. Es kann freilich jede Ansicht des Ganzen selbst wieder isoliert und neben das übrige gestellt, also zu einem Teil gemacht werden; allein der Inhalt dieser Ansicht wird immer das Ganze betreffen. Ferner betrifft, wie oben erinnert worden, die Frage nach der Positivität

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