Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

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Die einzig moralische Triebfeder, Achtung für das Sittengesetz, kann nur in demjenigen Subjekt bewirkt werden, in welchem dieses Gesetz gesetzgebend ist, aus dessen Innern es selbst hervorgeht; die christliche Religion aber kündigt uns das moralische Gesetz als etwas außer uns Bestehendes, als etwas Gegebenes an und muß also trachten, ihm auf andere Art Achtung zu verschaffen. In den Begriff einer positiven Religion könnte schon dies Merkmal aufgenommen werden, daß sie das Sittengesetz den Menschen als etwas Gegebenes aufstellt. Auf diese Art ist die Tugend eine Kunst von sehr verwickelter Art geworden, da im Gegenteil ein unverdorbenes sittliches Gefühl, das selbst entscheiden darf, im Augenblicke zu entscheiden imstande ist – eine Kunst, die mannigfaltige Handgriffe und Übungen hat und die wie jede andere soll erlernt werden können, die aber dabei das sonderbare Schicksal gehabt hat, daß, während alle menschlichen Künste vervollkommnet worden sind und eine Generation von der anderen gelernt hat, die Moralität der Menschen allein nicht sichtlich zugenommen hat, sondern, ohne die Erfahrung der vorhergehenden Geschlechter nutzen zu können, jeder für sich selbst wieder von vorne lernen muß. Bürgerliche Gesetzgebungen und Verfassungen haben äußere Rechte der Menschen zum Gegenstand, die kirchliche Verfassung das, was der Mensch sich selbst oder Gott schuldig ist. Was nun der Mensch Gott und sich selbst schuldig sei, dies behauptet die Kirche zu wissen und setzt zugleich einen Richterstuhl, vor dem sie darüber richtet. Vor diesen hat sie alles, was in den Handlungen und Begebenheiten der Menschen Göttliches sein kann, gezogen und in ihr Gesetzbuch eingetragen, was die Menschen hierbei empfinden sollen, und auf diese Art einen weitläufigen moralischen Kodex aufgestellt, der teils enthält, was der Mensch tun, teils was er wissen und glauben, teils was er empfinden soll. Auf den Besitz und Handhabung desselben gründet sich die ganze gesetzgebende und richterliche Gewalt der Kirche; und ist es dem Rechte der Vernunft eines jeden Menschen entgegen,

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