Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 185]

|185| geboten waren, dieser Unterschied ist nicht von der Art, daß dadurch der Zweck der Moral und Religion, Moralität bewirkt würde, sondern es ist an sich und war auch der Kirche unmöglich, auf diesem Wege mehr als Legalität und handwerksmäßige Tugend und Frömmigkeit hervorzubringen. – Die notwendigen Folgen davon, Empfindungen gebieten zu wollen, waren und mußten diese sein: Selbstbetrug, daß man die vorgeschriebene Empfindung zu haben, sein Gefühl mit dem, was man beschrieben fand, übereinstimmend glaubte, wobei aber eine solche hervorgekünstelte Empfindung der wahren, natürlichen unmöglich weder an Kraft noch Werte gleichkommen konnte; [die Folge] von diesem Selbstbetruge ist entweder falsche Beruhigung, die auf diese in dem geistlichen Treibhaus gewirkten Empfindungen einen hohen Wert setzt und sich viel damit meint und daher, wo jetzt Kraft nötig wäre, schwach ist und, wenn ein solcher Mensch dies selbst bemerkt, in Hilflosigkeit, Angst, Mißtrauen in sich verfällt – ein Seelenzustand, der oft bis zum Wahnsinn getrieben wird, so wie oft auch derjenige in Verzweiflung gerät, der mit allem guten Willen und aller möglichen Anstrengung doch seine Empfindungen noch nicht auf die Höhe getrieben zu haben glaubt, die von ihm erfordert wird, und da er sich im Felde der Empfindungen befindet und nie zu keinem festen Maßstab seiner Vollkommenheit gelangen kann (außer etwa durch Täuschungen der Einbildungskraft), so wird er sich in einer Ängstlichkeit befinden, der Kraft und Entschlossenheit fehlt und die nur im Vertrauen auf die unbegrenzte Gnade der Gottheit einige Beruhigung findet – nur eine kleine Erhöhung der Spannung der Einbildungskraft verwandelt diesen Zustand ebenfalls in Wahnsinn und Verrücktheit. Die gewöhnlichste Wirkung ist eine Art des oben angeführten Selbstbetrugs, da man bei allem Reichtum geistlicher Empfindungen im ganzen den Charakter behält und der gewöhnliche Mensch neben dem geistlichen haust, allenfalls von diesem durch Floskeln und äußere Gebärden ausstaffiert

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