Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 135]

|135| werden, ehe die Pflicht für mich hervorgeht; ein sehr gewissenhafter Mensch kann Anstand nehmen, Rechtsforderungen eines anderen für gültig anzusehen, ehe der andere sie deduziert hat; wenn er sich aber von dem Rechte des anderen überzeugt hat, so wird er auch ohne den Ausspruch eines Richters für sich die Pflicht erkennen, jenen Forderungen Genüge zu leisten; aber die Erkenntnis, daß etwas Pflicht für ihn ist, entspringt erst aus der Erkenntnis des Rechts des anderen. – Es gibt aber noch andere Pflichten, die nicht aus dem Rechte eines anderen entspringen, – z. B. die Pflicht der Wohltätigkeit. Der Unglückliche hat kein Recht für sich an meinen Beutel, als insofern er voraussetzt, daß ich mir es zur Pflicht machen sollte, Unglücklichen beizustehen; für mich gründet sich meine Pflicht nicht in seinem Rechte; sein Recht an Leben, Gesundheit usw. geht nicht an einzelne, sondern an die Menschheit überhaupt (das Recht des Kindes, zu leben, geht an die Eltern), das dem Staat oder überhaupt den Menschen, die zunächst um ihn sind, die Pflicht auferlegt, ihn zu erhalten, – nicht dem einzelnen. (Man hört oft die Ausrede, wenn einem Manne zugemutet wird, für sich allein einem Armen zu helfen: er wisse nicht, warum er, ein anderer könne dies so gut tun als er; er versteht sich zu einem Beitrag in Gesellschaft anderer eher dazu, teils weil freilich die ganze Summe der Kosten auf diese Art nicht auf ihn fällt, teils aber weil er fühlt, daß nicht ihm allein, sondern auch anderen diese Pflicht zukommt.) Der Arme hat Almosen als ein Recht an mich als ein Glied des Staates zu fordern, er tut die Forderung hier unmittelbar, da er sie durch den Staat mittelbar tun sollte; an mich als moralisches Wesen ist es eine moralische Forderung im Namen des Sittengesetzes, mir die Pflicht der Wohltätigkeit aufzulegen, – an mich als pathologisches Wesen (mit sympathetischen Neigungen begabtes) tut er nicht eine Forderung, sondern wirkt auf mich als Naturwesen, indem er mein Mitleiden erregt.

Gerechtigkeit bezieht sich darauf, daß ich die Rechte anderer

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126