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|205| gehorchten sie Menschen, die sie selbst zu ihren Oberen gesetzt, führten sie Kriege, die sie selbst beschlossen [hatten], gaben ihr Eigentum, ihre Leidenschaften hin, opferten sie tausend Leben für eine Sache, welche die ihrige war, – lehrten und lernten nicht, aber übten Tugendmaximen durch Handlungen aus, die sie ganz ihr eigen nennen konnten; im öffentlichen wie im Privat- und häuslichen Leben war jeder ein freier Mann, jeder lebte nach eigenen Gesetzen. Die Idee seines Vaterlandes, seines Staates war das Unsichtbare, das Höhere, wofür er arbeitete, das ihn trieb, dies [war] sein Endzweck der Welt, oder der Endzweck seiner Welt, – den er in der Wirklichkeit dargestellt fand oder selbst darzustellen und zu erhalten mithalf. Vor dieser Idee verschwand seine Individualität, er verlangte nur für jene Erhaltung, Leben und Fortdauer und konnte dies selbst realisieren; für sein Individuum Fortdauer oder ewiges Leben zu verlangen oder zu erbetteln, konnte ihm nicht oder nur [selten] einfallen, er konnte nur in tatenlosen, in trägen Augenblicken einen Wunsch, der bloß ihn betraf, etwas stärker empfinden. Cato wandte sich erst zu Platons Phaidon, als das, was ihm bisher die höchste Ordnung der Dinge war, seine Welt, seine Republik zerstört war; dann flüchtete er sich zu einer noch höheren Ordnung.
Ihre Götter herrschten im Reiche der Natur, über alles, wodurch Menschen leiden oder glücklich sein können. Hohe Leidenschaften waren ihr Werk, sowie große Gaben der Weisheit, der Rede und des Rats ihr Geschenk. Sie wurden um Rat gefragt wegen glücklichen oder unglücklichen Erfolgs einer Unternehmung und um ihren Segen gefleht, ihnen wurde für ihre Gaben jeder Art gedankt. Diesen Herrschern der Natur, dieser Macht selbst konnte der Mensch sich selbst, seine Freiheit entgegensetzen, wenn er mit ihnen in Kollision kam. Ihr [sc. der Menschen] Wille war frei, gehorchte seinen eigenen Gesetzen, sie kannten keine göttlichen Gebote, oder wenn sie das Moralgesetz ein göttliches Gebot nannten, so war es ihnen nirgend, in keinem Buchstaben gegeben, es regierte sie unsichtbar (Antigone). Dabei erkannten sie das Recht eines jeden, seinen Willen, er mochte gut oder bös sein, zu haben. Die Guten erkannten für sich die Pflicht, gut zu sein, aber ehrten zugleich die Freiheit des anderen, es auch nicht sein zu können, und stellten daher weder eine göttliche noch eine von sich gemachte oder abstrahierte Moral auf, die sie anderen zumuteten.
Glückliche Kriege, Vermehrung des Reichtums und Bekanntschaft mit mehreren Bequemlichkeiten des Lebens und mit Luxus erzeugten in Athen und Rom eine Aristokratie des Kriegsruhms und des Reichtums, und [man] gab ihnen eine Herrschaft und Einfluß
